Der Arztprozess biegt so langsam in die Zielgerade ein
Sonntag, 28. März 2010

Ach du dickes Ei! Es wird Ostern - und Richter Braumann sucht möglicherweise noch immer nach einem Motiv... 

Aus dem Landgericht Hildesheim berichtet Ralph Lorenz 

Hildesheim (wbn). So langsam scheint der Prozess um den angeblichen Abrechnungsbetrug des Salzhemmendorfer Arztes Jürgen Janzen in die Zielgerade zu gehen. Der Vorsitzende Richter Jürgen Braumann bei der Wirtschaftsstrafkammer des Hildesheimer Landgerichts deutete in der Verhandlung am vergangenen Freitag an, dass er an ein Ende der Zeugenvernehmungen denkt und die Plädoyers von Anklage und Verteidigung ins Auge gefasst werden können.

Auf jeden Fall will er nochmals die Hauptbelastungszeugin Angelika Gramse vorladen. Ein Vorhaben, auf das auch die Verteidigung des angeklagten Arztes großen Wert legen dürfte. Die Hauptbelastungszeugin Gramse hatte sich bislang noch nicht zur Existenz von zwei überraschend aufgetauchten Schreiben geäußert, in denen sie selbst aus eigenem Antrieb eindrucksvoll unterstreicht, wie groß die Freude gewesen sein soll, bei dem Arzt Jürgen Janzen arbeiten zu dürfen. Die Schreiben stehen im krassen Gegensatz zu den von ihr vor Gericht vorgetragenen Behauptungen, nur ungern und begleitet von ständiger Angst bei dem Salzhemmendorfer Arzt gearbeitet zu haben.  

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 Dass für einige Zeit sogar ein sehr inniges und geradezu kuscheliges Verhältnis zwischen Praxismitarbeiterin und Arzt bestanden haben muss, das hat der Arzt und dessen Verteidigung mehrfach freiwillig zu erkennen gegeben, was wiederum nahelegen soll, dass die schwerwiegenden Vorwürfe der Hauptbelastungszeugin gegenüber ihrem einstigen Chef von Rachebedürfnissen aus enttäuschter Liebe genährt worden sein könnten.

Hier drängt sich der Verteidigung ein handfestes Motiv auf, das sich allerdings dem Staatsanwalt Mahnkopf und dem Vorsitzenden Richter Braumann so bisher nicht erschlossen zu haben scheint. Dass zwischen Janzen und seiner Arzthelferin vorübergehend mehr als ein normales Arbeitsverhältnis bestanden haben muss, diese Version nährte wiederum die Aussage eines Zeugen aus der Gramse-Verwandschaft am vergangenen Freitag.

Es ist inzwischen der 26. Verhandlungstag

Fest steht jedoch: Auch am 26. Verhandlungstag hat der Richter keine einzige verwertbare Aussage erhalten, die den verdächtigten Arzt, beziehungsweise dessen mit angeklagte Ehefrau Ute Janzen, konkret und eindeutig zuordenbar belastet hätte. Dabei waren Patienten aus der Arztpraxis gleich in Hundertschaften zur Zeugen-Vernehmung über tatsächliche oder fiktive Arzttermine vorgeladen worden. Dass es in der Praxis Janzen Ungereimtheiten und falsche Abrechnungseingaben in den Computer gegeben hat, scheint indessen außer Frage zu stehen.

Während die Hauptbelastungszeugin hartnäckig darauf besteht, die Patientendaten nur auf Weisung ihres „Arbeit-Gebers“ eingegeben zu haben, hat der unter Verdacht stehende Arzt genau diese Angaben stets energisch zurückgewiesen. Vor allem hatte er vorgerechnet, dass ihm in das System eingeschmuggelte Abrechnungspunkte keinerlei nennenswerte Vorteile gebracht hätten. Eine Sichtweise, die sich auch mit Beispielrechnungen einer Vertreterin der kassenärztlichen Vereinigung gedeckt hat. Er und seine Frau sehen sich so gesehen in jeder Beziehung als Opfer der noch ungeklärten und der Klärung dringend bedürftigen Umstände.

Das Motiv als Überraschungsei im mit Sex und Crime angereicherten Prozess? 

Richter Braumanns erster eigenständiger Prozess ist mit mehr Sex und Crime gewürzt, als in einer Wirtschaftsstrafkammer zu vermuten gewesen wäre. Er hat es eingestandenermaßen nicht leicht. Braumann will eines nicht riskieren: dass sein Urteil weder von der Verteidigung noch vom Staatsanwalt angefochten wird. Richter Braumann wird über die Osterpause, während andere die dicken Überraschungseier auf dem Moosbett finden, verstärkt auf eine undankbare Motiv-Suche gehen müssen. Richter sind ein Juristenleben lang auf der Suche nach faulen Eiern, die andere heimlich versteckt und die Kripoleute nicht gefunden haben.

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